Weltfriedensdienst e.V.

Komposttoiletten sparen Wasser

Sven Riesbeck (28) und Kevin Kuhn (27) gründeten den Verein Non-Water Sanitation e.V. und 2015 das Unternehmen EcoToiletten GmbH, um nachhaltige Sanitärsysteme in Indien und Deutschland zu bauen. Bis heute arbeiten Sie an der globalen Revolution der Sanitärversorgung.

Im Interview mit einem der Gründer, Sven Riesbeck:

Die von euch entworfenen EcoToiletten laufen ohne Wasser. Wie  genau funktionieren sie und was geschieht mit den Fäkalien?

EcoToiletten sind Trockentoiletten mit einem Fass unter dem Sitz. Nach jeder Benutzung nimmt der Toilettengast eine Handvoll Sägespäne und wirft diese in das Fass. Diese decken die Fäkalien ab, binden den Geruch und sind kompostierbar.  Dadurch können Chemiekonzentrate und Wasser durch eine ökologische Alternative ersetzt werden.  Das Prinzip ist daher sehr einfach. Wenn das Fass voll ist, wird es gewechselt, in spezielle wasserdichte Container mit Siebtrenneinsätze geleert und dann entwässert. Dieses trockene Fäkal-Streugemisch wird anschließend zu einem Klärschlamm-Kompostierer gefahren, der eine spezielle behördliche Genehmigung hat, diesen Abfall zu kompostieren und weiter zu verwerten.

Als Pilotprojekt habt ihr ja erstmalig 2012 in Indien sanitäre Einrichtungen aufgebaut. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Wir fragten uns: Warum braucht man Trinkwasser, um Fäkalien zu spülen? In der Natur ist diese Mischung aus Nährstoff- und Wasserkreislauf nicht vorgesehen. Wir nutzen jahrhundertealte „End-Of-Pipe-Technologien“ wie Wasserspültoiletten, Kanalisationen, Kläranlagen, Flüsse, ohne diese wirklich in Frage zu stellen. Nun gibt es weltweit 1 Milliarde Menschen ohne Toilette und weitere 1,5 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberen Sanitäreinrichtungen. Das ist ein menschliches Desaster. Die meisten Menschen ohne Zugang zu Toiletten leben in Indien, nämlich ca. 500 Millionen Menschen.  Welche Lösungen gibt es dafür? Ich war erstaunt, dass Trockentoiletten bereits seit Jahrtausenden genutzt werden und z.B. in Skandinavien bis heute weit verbreitet sind. Nun wollten wir das Projekt vorantreiben und gründeten dafür unseren eigenen gemeinnützigen Verein „Non-Water Sanitation e.V.“, der dieses Projekt über eine Spendenaktion namens „Guts For Change“ finanzierte. Meine Freunde radelten 10.000 Kilometer von Berlin nach Indien, um in Deutschland Spenden für Trockentoiletten in Indien zu sammeln. Mit diesem Geld bauten wir dann die ersten 35 Trockentoiletten in einem Dorf namens Darewadi (Pune District). Bis heute werden weitere Projekte auf diesem Gebiet mithilfe unseres Vereins Non-Water Sanitation e.V. umgesetzt. Wir möchten aber diese Projekte tragfähiger und spendenunabhängiger finanzieren und haben aus diesen Überlegungen die EcoToiletten GmbH in Deutschland gegründet.

Welches Feedback erhaltet ihr für die Toiletten? Ihr stellt diese ja auch auf Festivals auf, wo sie sehr intensiv genutzt werden.

Wir erhalten sehr positives Feedback von Kunden und Nutzern. Wir bieten ja ein umfassendes Servicemodell an, also werden unsere EcoToiletten während eines Festivals fast 20 Stunden am Tag betreut. Servicekräfte reinigen sie, legen Toilettenpapier nach, füllen Streu auf und wechseln die Fässer. Auf dem Feel-Festival 2016 haben wir 182 EcoToiletten für fast 15.000 Besucher fünf Tage lang betreut und dafür den HELGA Award für das beste Entsorgungserlebnis bekommen. Das war schon eine Mammutaufgabe, da knapp 40 Mitarbeiter daran beteiligt waren, 25 Toilettenstandorte auf mehreren Hektar zu betreuen.  Im Grunde haben wir die Sanitärversorgung einer Kleinstadt ohne Wasser geschmissen. Am Ende sammelten wir bis zu 20 Tonnen Feststoffe. Doch hier liegt auch die Schwäche des Systems. Vor allem wenn die Zufahrt nicht frei ist oder das Gelände unter Wasser steht, haben wir Schwierigkeiten die Toiletten zu warten und die Fasslogistik zu meistern. In der Saison 2017 sind wir schon an unsere Grenzen gekommen, da das Wetter während der Festivalsaison nicht immer mitgespielt hat.

Inzwischen habt ihr ja bereits Zentren in Berlin, Hannover und Bayern. Wie präsent seid ihr in den Städten, gerade hier in Berlin?

In Berlin fing alles an, hier sind wir sehr präsent. Wir haben bereits Events wie den Karneval der Kulturen, Christopher Street Day, Umweltfestival oder das MyFest Berlin beliefert. In den letzten Jahren haben wir zudem etwa 50 Langzeitmietkunden wie Baustellen oder Gemeinschaftsgärten allein in Berlin gewonnen. Ein Durchbruch war dann jedoch die Anfrage eines Kiezvereins in Berlin-Lichtenberg, ob wir denn nicht eine öffentliche EcoToilette bauen könnten. Seit 2015 haben wir insgesamt 9 öffentliche EcoToiletten in Berlin gebaut. Das besondere ist, dass unsere EcoToiletten kostenlos genutzt werden können, natürlich anschlussfrei sind und dadurch weniger kosten als herkömmliche City-Toiletten. Mittlerweile bieten wir auch Trockentoiletten aus Edelstahl an, barrierefrei mit Streuspülautomat und Sensortechnik. Wir sehen uns langfristig auch als Dienstleister für öffentliche Kommunen. Das spricht sich langsam herum, sodass wir auch im Gespräch mit anderen Kommunen wie den Städten Nürnberg, München und Rostock sind. Es wäre schön, wenn EcoToiletten sich langsam in das Leitbild einer nachhaltigen Stadt integrieren. Denn aus meiner Sicht muss eine Green-City langfristig auf Abwasser verzichten.

Warum sind die EcoToiletten für euch ein zukunftsfähiges ökologisches und soziales Projekt, das gefördert werden sollte?

Pro Toilettenspülung werden 6-10 Liter Trinkwasser verbraucht, die dann meist ungefiltert in die Gewässer gelangen und eine ökologische und gesundheitliche Belastung darstellen. Eine einzige Trockentoilette führt dazu, dass dieses Trinkwasser nicht verschmutzt wird, weniger Wasser verbraucht wird und Menschen im geschützten Umfeld auf eine Toilette gehen können. Gerade in Entwicklungsländern wie Indien führt das zu einer verbesserten Gesundheit der Menschen, vor allem bei Kindern: weniger Durchfallerkrankungen, Typhus, Cholera etc.), im Folgenden zu weniger Schul- oder Arbeitsausfall und dadurch zu einem erhöhten familiären Einkommen. Weiterhin werden menschliche Nährstoffe wieder für den Boden als Dünger oder Kompost zur Verfügung gestellt und substituieren dadurch chemische Düngemittel. Daher haben wir den Mut aufgebracht, nachhaltige Toiletten aufzustellen und zu beweisen, dass das Konzept tragfähig ist und einen positiven Wandel bewirken kann.  Seit unserer Gründung haben wir bisher 100 Familien in Indien geholfen, 5 Millionen Komposttoiletten-Nutzer in Deutschland gewonnen und planen  den Bau von weiteren Toiletten in Indien, Ghana und anderen Ländern. In Zukunft wird es mit Sicherheit abwasserlose, abfallfreie Städte geben, sodass Humanfäkalien schlicht an Ort und Stelle als Kompost verwendet werden.

 

Interview: Jasper Mevert