Weltfriedensdienst e.V.

Kampf um Kenias Ressourcen

Kenia war lange Zeit als Safariland bekannt. In den letzten Jahren beherrschten jedoch Ausschreitungen zwischen Ethnien, islamistischer Terror und Korruption die Schlagzeilen. Eine außergewöhnliche Aktion wirbt für die nachhaltige Nutzung eines Flusses im trockenen Norden Kenias und die friedliche Koexistenz seiner AnrainerInnen.

Früher führte der Fluss 10 Monate im Jahr Wasser. Heute nur noch 2, er trocknet einfach aus, klagt der Viehhirte Adan Mohammed. Der Fluss Ewaso Nyrio ist die Lebensader von etwa 3,6 Millionen Menschen. Er entspringt der Westflanke des Mount Kenya und bringt wertvolles Wasser in die häufig von Dürren bedrohten ariden Regionen im Norden Kenias. Das Land ist zu karg, um dauerhaft Felder zu bestellen. An den Ufern des Ewaso Nyrio erwirtschaften die meisten Menschen ihre Lebensgrundlage als nomadische ViehhirtInnen. Auf der Suche nach frischen Weiden und Wasser für ihr Vieh ziehen sie durch die Landschaft. Viele pflegen seit Jahrhunderten einen pastoralen Lebensstil, bei dem die Haltung von Nutztieren wie Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen zur Nahrungsgewinnung im Vordergrund steht. Landbesitz in seiner europäischen Form ist hier nicht existent, vielmehr steht die Nutzung des Landes – oft auch über ethnische und staatliche Grenzen hinweg – im Vordergrund. Wo für das westliche Auge weite Landflächen brachliegen, sind dies für PastoralistInnen oftmals traditionelle Weidegründe, die nur saisonal genutzt werden.

Konflikte um Wasser und Weideland

Doch das lebenswichtige Wasser ist zunehmend Grund für Konflikte, die immer wieder zwischen den lokalen Gemeinden und zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen entstehen, die um den Fluss als Ressource für Wasser und Weideland konkurrieren. Aber nicht nur der Zugang zu Wasser und Weide, auch Viehdiebstahl oder die Besetzung politischer Positionen vor dem Hintergrund einer ethnisierten politischen Landschaft sorgen für Streit und gewaltsame Auseinandersetzungen. Oft sind auch Landrechte unklar und dadurch strittig. Häufig entscheidet Korruption und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie, wer Land besitzt.

Die für die PastoralistInnen verfügbare Landfläche verringert sich stetig durch raumgreifende Infrastrukturprojekte, Umweltzerstörung und Dürren, aber auch durch prinzipiell sinnvolle Umweltschutzmaßnahmen, die jedoch oft die lokale Bevölkerung nicht einbeziehen. Der Norden Kenias war lange vernachlässigt und soll nun durch zahlreiche Bauprojekte gefördert werden. Heute versucht die kenianische Regierung im Rahmen breit angelegter Investitionsprogramme den dünn besiedelten Norden infrastrukturell und vor allem touristisch zu fördern: neue Wildtierreservate, geteerte Highways, eine Pipeline von der Küste zu den neu entdeckten Ölfeldern im Nordwesten, eine Eisenbahnlinie, ein Schlachthaus und eine Retortenstadt für TouristInnen. Einer der größten Flughäfen Kenias und ein Staudamm werden gebaut. Infrastrukturmaßnahmen wurden zwar von vielen Menschen lange ersehnt, mit ihnen verschärfen sich jedoch bestehende Konflikte um Ressourcen weiter. Insbesondere die entstehende Talsperre Crocodile Jaw wird von AnwohnerInnen sehr kritisch betrachtet, da die Aufstauung des Ewaso Nyiro zu einer sich weiter verschlimmernden Wasserknappheit führen würde. Der Nutzungsdruck wird noch verstärkt, indem großflächig wasserintensive Exportgüter am Oberlauf des Ewaso Nyrio angebaut werden, etwa Rosen für europäische VerbraucherInnen. Direkte Auswirkungen auf die Pegelstände flussabwärts sind die Folge.

Geeignetes Weideland ist rar im Norden Kenias. Die Herden der PastoralistInnen beanspruchen die krautige Pflanzendecke einer Weide oft stärker, als diese sich regenerieren kann. Die ökologische Tragfähigkeit der Weide kommt durch die Dauer und Intensität der Beweidung bald an ihre Grenze. Die Folgen sind Überweidung und Bodendegradation. In stark überweideten Gebieten können nur noch Ziegen leben, die die Vegetation jedoch noch stärker schädigen. Überweidung jedoch führt zu Desertifikation, also zu Versteppung oder fortschreitender Wüstenbildung. Diese schränkt den Zugang der HirtInnen zu alternativen Weideflächen und Wasserstellen erheblich ein.

Gewalt und Extremismus vorbeugen

Die Verknappung von natürlichen Ressourcen und die historische Vernachlässigung Nordkenias führen zu Perspektivlosigkeit in der Bevölkerung. Kombiniert mit der Nähe zu Somalia begünstigt dies eine voranschreitende islamistische Radikalisierung. Die hauptsächlich in Somalia agierende Islamistenorganisation Al-Shabaab ist zunehmend auch in Kenia aktiv: Terroranschläge erreichten in der Vergangenheit bereits die Hauptstadt Nairobi sowie die touristisch wichtigen Küstengebiete. In Nordkenia verstärkte Al-Shabaab in den letzten Jahren die Rekrutierungstätigkeit.

Isiolo County beispielsweise (siehe Karte) gilt vor dem Hintergrund schwieriger Lebensumstände und historischer Ungleichheiten als wichtiges Rekrutierungsgebiet für radikal-islamistische Organisationen. Um einer voranschreitenden Radikalisierung vorzubeugen, ist es wichtig, diese früh zu erkennen und zu verhindern. Dazu muss die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung gegen Gewalt und Extremismus gestärkt und die Beziehungen zwischen Bevölkerung und Sicherheitsbehörden sowie zwischen der Zivilgesellschaft und der (Lokal-) Regierung verbessert werden. Beispielsweise steht auf der einen Seite oft unverhältnismäßige Gewaltanwendung durch die Polizei, auf der anderen Seite das offene Misstrauen der Jugendlichen. Zunächst ist es unerlässlich, Vertrauen aufzubauen, damit Informationen und Erfahrungen ausgetauscht werden können. Teil eines partizipativen Aktionsplans können gemeinsame Sportveranstaltungen, beispielsweise Fußballturniere mit Jugendlichen und der Polizei, sein.

Dieser verbesserte Zusammenhalt kann auch in Bezug auf die Wasserressourcen in Isiolo County eine doppelte Funktion spielen. So hängt die voranschreitende Radikalisierung nach Meinung unserer Partnerorganisationen 1 stark mit dem Wegbrechen von (traditionellen) Lebensgrundlagen zusammen und ist damit eng mit der Wasserknappheit verknüpft. Zudem sind die Sensibilisierung von Konfliktparteien und die anhaltende Beziehungsarbeit ebenso zentral für einen gemeinsamen Einsatz für Wasserressourcen wie auch gegen Radikalisierung.

Indigenes Ressourcenmanagement

Unklare Nutzungsrechte von Wasser und Weideland sind weit verbreitete Konfliktursachen in der Region. Auch hier können traditionelle Autoritäten dabei gestärkt werden, Konflikte schneller zu lösen, wenn über ethnische Grenzen hinausgehende Mechanismen des Ressourcenmanagements unterstützt und wiederbelebt werden. Ein Beispiel sind sogenannte Weideund Wasserkomitees, die regeln, wessen Herden wann, wo und wie lange grasen. In diesen Komitees können oftmals langjährig verfeindete Gruppen wieder miteinander ins Gespräch gebracht werden und gemeinsam eine Lösung für ihren Streit finden. Die Komitees rekrutieren sich aus der Bevölkerung und oftmals nehmen traditionelle Autoritäten daran teil, um an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. So werden zukünftige Konflikte entschärft, die etwa bei der Landverteilung, im Rahmen entstehender Infrastruktur oder beim Zugang zu verknappenden Wasserressourcen drohen.

Ein Bündnis für den Fluss

Um das Management von Ressourcen wie Wasser und Weideland nachhaltig zu stärken, rief ein Bündnis von zivilgesellschaftlichen kenianischen Organisationen dieses Jahr zum 5. Mal zu einer Kamel-Karawane 2 für den Fluss Ewaso Nyrio im trockenen Norden Kenias auf. Viele ansässige Nomaden, wie Adan Mohammed, begleiteten die kenianischen AktivistInnen. Mit 15 Kamelen wanderte die Kamel-Karawane 300 Kilometer entlang des Ewaso-Nyrio-Flusses. Auf diese Weise machten 50 Menschen während der 6 Tage dauernden Aktion auf die vielfältigen Bedrohungen für den Fluss aufmerksam.

Die AktivistInnen konnten mit den Menschen entlang des Flusses direkt und außerhalb von Konferenzräumen über die Probleme, Befürchtungen und Nöte sprechen und diese unmittelbar begreifen. Die multi-ethnische Zusammensetzung der Kamel-Karawane erleichterte zudem den direkten Erfahrungsaustausch und brachte Anrainer des Ewaso Nyrio zusammen, um gemeinsam für den Fluss einzutreten. Zeitungen und das kenianische Fernsehen berichteten über die Aktion. Einige richtungsweisende Gespräche über Folgeaktivitäten haben die AktivistInnen bereits mit Behördenund RegierungsverterInnen führen können. Der Vize-Gouverneur eines Counties am Oberlauf des Ewaso Nyiro berief eine Tagung aller umliegenden Counties ein, um ein faires Ressourcenmanagement zu fördern und den Zugang zu Wasser und Weideland gerecht zu regeln.

Die Kamel-Karawane gibt den PastoralistInnen wie Adan Mohammed Hoffnung, dass ihre Probleme gesehen und von allen Beteiligten gemeinsam bearbeitet werden können.

Tim Bunke, promovierter Ethnologe mit Erfahrung in Tansania und Sambia. Er arbeitet seit Oktober 2016 als Kooperant und Friedensfachkraft des Weltfriedensdienst e.V. mit Isiolo Peace Link in Kenia.

Erschienen in RUNDBRIEF Forum Umwelt & Entwicklung 4/2018

Weitere Informationen zum Projekt auf unserer Website: Gemeinsam für eine gerechte Landverteilung (Kenia)