Weltfriedensdienst e.V.

Be WaterWise oder Wo die Wasseruhr tickt

Auch für die, die ohne Vorwissen nach Südafrika kommen, ist nicht zu übersehen: Das Land hat mehr als nur ein vorübergehendes Wasserproblem. Auf unserer Reise von Johannesburg über Durban, Lesotho, Port Elizabeth bis Kapstadt begegneten wir dem Wasser-Thema auf Schritt und Tritt.

Wasser die Erste

Bei der Stadtrundfahrt in Johannesburg erfahren wir bereits am ersten Reisetag, dass das wirtschaftliche Herz des Landes schon nach wenigen Tagen vertrocknet wäre, würde es nicht sein Wasser aus dem nahe gelegenen Lesotho beziehen. Wasser ist neben Diamanten der wichtigste Export des armen Nachbarlandes. Das Lesotho Highlands Water Project – das derzeit umfangreichste Technikprojekt Afrikas – wurde mit südafrikanischer Hilfe nach mehr als zehnjähriger Bauphase 2004 in Betrieb genommen. Die in den Süden fließenden Flüsse Lesothos werden aufgestaut, durch den angeblich längsten Tunnel der Welt  geführt, und über ein Wasserkraftwerk in den Vaal und nach Gauteng geleitet.

Um den unstillbaren Wasserdurst des großen Nachbarn zu befriedigen, stehen inzwischen heute schon Damm 2 und 3 kurz vor der Fertigstellung. Von den Einnahmen profitiert wie an so vielen Orten nur eine kleine, korrupte Elite. Den Anrainern  der gestauten Flüsse ist inzwischen klar geworden, dass sie die Verlierer der Großprojekte sein werden, und so regt sich Widerstand. Der droht mit brutaler Polizeigewalt niedergeschlagen zu werden – die politische Klasse in dem kleinen Land duldet keine Andersdenkenden.

Wasser die Zweite

Besucher des Mkuze Nationalparks in KwaZulu Natal erwartet der Hinweis, dass aufgrund der Trockenheit nur morgens und abends Wasser verfügbar sei. Letztlich stellt sich heraus, dass diese Einschränkung aktuell nicht gilt, aber gerade das etwas vergilbte Schild verweist darauf, dass das Problem nicht erst seit gestern existiert.

Wasser die Dritte

Riesige Plakate an der bei Touristen aus aller Welt beliebten Garden Route entlang der Küste informieren darüber, dass die Staudämme der Provinzen Eastern und Western Cape zu 3/4 leer sind. In kaum einem Hotel, B&B oder Restaurant fehlt der Hinweis, Wasser zu sparen, wenn auch die Wenigsten die profane Aufforderung  in Reimform gießen wie die Besitzer einer Gästefarm: „If it´s yellow, let it mellow, if it´s brown, flush it down.“ Nach anfänglichem Widerstreben halten wir uns daran, schließlich werden täglich etwa 25 Liter Wasser allein für die Toilettenspülung verbraucht.

Wasser die Vierte

Am Ende der Reise fünf Tage Kapstadt, die Stadt, über der seit Monaten wie ein Damokles-Schwert die Drohung des Day Zero schwebt, des Tages, an dem die Verwaltung der Vier-Millionen-Stadt die Wasserversorgung abschalten muss. Seit Monaten sind alle Einwohner aufgefordert, ihren Wasserverbrauch auf 50 Liter pro Tag, also um 2/3, einzuschränken, denn nur so könne die Abschaltung vermieden werden. „Be WaterWise“ heißt die Losung des Tages. Ob beim Einkaufen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Bank, in der Bar, an der Tankstelle – überall erhält man Tipps zum Wassersparen. Selbst beim Internationalen Jazzfestival sitzen die 40.000 BesucherInnen im Wortsinn auf dem Trockenen: Statt Wasser gibt es am Handwaschbecken nur noch Desinfektionsmittel.
Auf der offiziellen Website der Kapstädter Stadtverwaltung erfährt man, dass noch 2014 die sechs Staudämme, die die Stadt versorgen, gefüllt waren. Die Regenfälle zwischen September und Mai hatten noch immer ausgereicht, um die Versorgung der Stadt in der regenarmen Zeit zu garantieren. Die Regierenden rechneten jedoch nicht mit dem Klimawandel. Die darauf  folgende schlimmste Trockenheit seit mehr als 100 Jahren bescherte der Stadt drei praktisch regenfreie Jahre. Mittlerweile sind die Vorräte auf ein Viertel zusammengeschmolzen; bei weniger als 13,5 Prozent wird das Wasser abgeschaltet.

Weiter ist zu lesen, dass inzwischen von der Verwaltung Maßnahmen getroffen wurden, die langfristig Wirkung erzielen sollen:  Die Stadt will in den nächsten beiden Jahren 250 Millionen Euro investieren. Vier Meerwasserentsalzungsanlagen sind im Bau, eine davon soll demnächst in Betrieb gehen. Neue Grundwasserbohrungen werden vorgenommen und seit vergangenem Jahr stellt die Stadt Unternehmen und Privatpersonen wiederaufbereitetes Grauwasser für die Bewässerung zur Verfügung.

Wasser die Fünfte

Natürlich dient den Anhängern der unterschiedlichen Parteien die Wasserkrise auch als Munition für ihre eigenen Propaganda-Ziele:  ANC-Anhänger werfen der in der Western Cape Province und in Cape Town regierenden DA (Democratic Alliance) vor, die Krise verschuldet zu haben, DA-Anhänger machen die ANC-geführte Zentralregierung verantwortlich, nach Meinung von Experten haben beide schwere Fehler begangen. 
Im „Guardian“, einer linksliberalen Tageszeitung,  lesen wir von Überlegungen, im Rahmen der anvisierten entschädigungslosen Landenteignungen auch die Staudämme, die zumeist in privater Hand sind und für die Bewässerung genutzt werden, zu verstaatlichen. Dass der Staat nur dann die Wasserversorgung garantieren kann, wenn er Zugang zu den Staudämmen hat, leuchtet ein. Dass jedoch diese Überlegung prompt zu einem Seitenhieb auf die Weißen genutzt wird, die die Landwirtschaft mehrheitlich betreiben, damit das Land aber eben auch ernähren, reflektiert eine gefährliche aktuelle Tendenz im Lande.

Wasser die Letzte

„Kapstadt erlebt aktuell die härteste Dürre seiner Geschichte. Helfen Sie uns! Sparen Sie wie ein Local. Care a little, save a lot!“ Diese Ansage für Neuankömmlinge auf dem Flugplatz  ist für uns, die wir aus Kapstadt abfliegen, die Mahnung, die uns die Stadt nachruft. 
Zurück in Berlin, erfahren wir, dass, nachdem der Day Zero mehrfach nach hinten verschoben wurde, die Stadtverwaltung nun Entwarnung gegeben hat. Dies ist vor allem den KapstädterInnen zu verdanken, die tatsächlich ihren Wasserverbrauch um heroische 60 Prozent reduziert haben. Allerdings sind sie aufgefordert, auch bis auf Weiteres nicht mehr als 50 Liter pro Tag zu verbrauchen.
Für das Land bleibt zu hoffen, dass – unabhängig von der Parteizugehörigkeit oder -präferenz – Politik, Verwaltung, Unternehmen und VerbraucherInnen sich angesichts der Kapstädter Wasserkrise der Begrenztheit der Ressource Wasser bewusst geworden sind. Nur „wasserweises“ Produzieren und Konsumieren sowie Milliarden-Investitionen in die Wasserversorgung können Südafrika vor einem landesweiten Wassernotstand im Jahr 2030 bewahren.