Weltfriedensdienst e.V.

Augenhöhe!

Für eine gerechte soziale und ökologische Entwicklung in Senegal und in Afrika

Positionspapier zur Wiedererlangung von Ernährungssouveränität

Von ENDA Pronat und ihren bäuerlichen PartnerInnen aus Senegal

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Wir, die Menschen des Südens, leiden besonders unter Ernährungsunsicherheit und Armut.
Die Existenz unserer KleinbäuerInnen wird durch den stark zunehmenden Landraub ausländischer Unternehmen bedroht.

Dieser wird vom senegalesischen Staat unter dem Vorwand unterstützt, dass allein diese Unternehmen in der Lage seien, die Lebensmittelversorgung von Senegal sicherzustellen. Dabei entfallen mehr als 90 % der landwirtschaftlichen Produktion in Subsahara-Afrika auf kleinbäuerliche Familienbetriebe. Die TrägerInnen der familiären Landwirtschaft werden durch Landraub zu abhängigen LandarbeiterInnen. Die Umwelt wird zerstört. Landflucht und Migration werden verstärkt. Der Landraub in Senegal nimmt stetig zu.

ENDA Pronat: Das Konzept der „Gesunden und nachhaltigen Landwirtschaft“ (GNL)
Seit 2001 arbeiten die senegalesische Bauernorganisation ENDA Pronat und der Weltfriedensdienst e.V. zusammen, um eine ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Landwirtschaft in Senegal zu fördern. ENDA Pronat arbeitet für eine inklusive Gesellschaft, die auf Gleichheit, bürgerlicher Teilhabe und auf einem nachhaltigen Zusammenleben mit der Umwelt gründet. Die ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Rechte, auch besonders gefährdeter Gruppen, sollen garantiert sein. Dafür hat ENDA Pronat das GNL-Konzept „Gesunde und nachhaltige Landwirtschaft“ entwickelt:

- Stärkung agroökologischer Grundsätze, die traditionelles Wissen und überliefertes Know-How aufgreifen und es durch wissenschaftliche Erkenntnisse bereichern.

- Die Entwicklung lokaler Weiterverarbeitung und Vermarktung, um die Einkünfte der Bäuerinnen und Bauern zu verbessern und Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen.

- Die Förderung des lokalen Konsums für eine gesunde und nachhaltige Ernährung der Bevölkerung.

- Die Erziehung und Ausbildung von Jugendlichen in der nachhaltigen Handhabung der natürlichen Ressourcen.

ENDA Pronat hat die Bildung nationaler und regionaler Koalitionen unterstützt, um GNL auf
allen Ebenen zu fördern und zu vergemeinschaften. Und das ist auch gelungen: der
senegalesische Staat hat mittlerweile GNL in seine Landwirtschaftspolitik implementiert.
Diese Ergebnisse ermutigen ENDA Pronat in ihrer Unterstützung der Bevölkerung bei der
Wiederaneignung der Kontrolle über ihr Land und bei der Umsetzung von Strategien
integrierter Entwicklung, die sie zur Ernährungssouveränität führen.

 

Alarmierender Einfluss multi-nationaler Konzerne

Wir sind alarmiert, weil multi-nationale Konzerne immer mehr sub-regionale, nationale und
internationale Prioritäten festlegen und Gesetze und politischen Maßnahmen immer
stärker beeinflussen.

Dies betrifft viele Bereiche unseres Lebens: Ernährung, Landwirtschaft und Wasser, aber auch Saatgut und Landrecht. Nach dem Gesetz gilt Land bislang in Senegal als nationales Gemeingut. D.h. es wird nur ein temporäres Nutzungsrecht vergeben. Internationale Institutionen und Konzerne streben eine Privatisierung des Landes an, während ENDA Pronat mit senegalesischen Bauernvereinigungen in einem Reformprozess für Verbesserungen im geltenden Landrecht kämpft. Damit Land Gemeingut bleibt, wurden Instrumente sozialer Teilhabe eingerichtet wie z.B. paritätisch eingerichtete Dorfkomitees. Der Staat und multi-nationale
Konzerne werden insbesondere durch öffentlich-private Partnerschaften vermischt. Das schafft unfaire Verhandlungsbedingungen mit unseren bäuerlichen Gemeinschaften.

Institutioneller Druck der reicheren Nationen auf afrikanische Länder

Der Zugang zu und die Kontrolle über natürliche Ressourcen muss zum großen Teil auf lokaler und nationaler Ebene gesichert sein. Doch die afrikanischen Länder unterliegen auf internationaler Ebene immer noch dem immensen Druck seitens der reicheren Nationen und ihrer Institutionen wie der G7 bzw. G8 oder der OECD und den multilateralen Institutionen wie der Weltbank, dem IWF oder der WTO.
Internationale Investitionsabkommen und Handelsverträge wie die Freihandelsabkommen, verstärken ebenfalls die Ungleichheiten zwischen Süd und Nord und bedrohen unsere lokalen Märkte und die Produktion unserer Familienbetriebe. Wir befürchten, dass die geplanten Economic Partnership Agreements (EPA) die Armut in unseren Ländern eher vertiefen als beseitigen werden. Eine armutsmindernde Wirtschaftsentwicklung ist damit nicht möglich.

Der Norden hat ein System der Verarmung geschaffen

Multi-nationale Unternehmen, internationale Institutionen und der Norden im Allgemeinen haben ein System der Verarmung geschaffen, in dem Landwirtschaft keine Wertschätzung mehr erfährt.
Versteckte Export-Subventionen schaffen unfaire Konkurrenzbedingungen, durch die heimische Produkte verdrängt werden und unser Zugang zum Weltmarkt immer weiter erschwert wird. Dadurch wird die Armut in unserer Gesellschaft zementiert. Internationale Entwicklungsprojekte der G7-Staaten unterstützen die Interessen der multinationalen Investoren, vernachlässigen jedoch die Interessen der lokalen Gemeinschaften. Diese Rahmenbedingungen verhindern die Unabhängigkeit unserer Länder.

Ressourcen in die Hände der Gemeinschaften

Wir brauchen die nötige Autonomie, Souveränität und Entscheidungsgewalt über Schutz und Nutzung unserer natürlichen Ressourcen und die Kontrolle über unsere Wirtschaft, um unser Schicksal selbst bestimmen zu können.
Die große Erfahrung von ENDA Pronat zeigt, dass von der senegalesischen Bevölkerung eine nachhaltige Entwicklung angestoßen und getragen werden kann. Die agro-ökologische Herangehensweise der bäuerlichen Gesellschaften ist nachhaltig und kann sowohl die Ernährungssicherheit als auch die Ernährungssouveränität sicherstellen.
Dafür müssen die Ressourcen in den Händen der Gemeinschaften bleiben. Das muss von einer Landwirtschaftspolitik begleitet werden, die die Entwicklung der Familienbetriebe durch ein geeignetes Finanzierungssystem begünstigt. Wir brauchen eine Reform, um staatliche Garantien wieder herzustellen, die bäuerlichen Betriebe zu unterstützen und durch eine integrierte Politik ländlicher Entwicklung unsere Ernährungssouveränität zu erreichen.

Diese Reformprozesse müssen auf nationaler und internationaler Ebene verankert werden.
ENDA Pronat fordert deshalb:
Europa muss seine Politik ändern – Für eine Partnerschaft auf Augenhöhe!

  1. Die aktuelle Entwicklungspolitik muss geändert werden
    Denn sie räumt dem kommerziellen Privatsektor eine zu dominante Rolle ein.
    Finanziert und unterstützt wird dies von der Europäischen Union: die von ihr
    geförderte Grünen Revolution begünstigt die Entwicklung der industriellen
    Landwirtschaft und die Einführung gentechnisch veränderter Organismen in unseren
    Ländern. Ebenfalls von der EU unterstützte Public-Private-Partnerships überlassen
    bei der landwirtschaftlichen Entwicklung Afrikas die Führung dem Privatsektor. Die
    Rolle des Staates wird minimiert.
  2. Öffentliche Gelder dürfen keine privaten Interessen finanzieren
    Die Agrar- und Wirtschaftspolitik wird zum Großteil durch den privaten Sektor
    bestimmt und finanziert. Daneben kanalisieren die nationalen und internationalen
    Institutionen der Entwicklungsfinanzierung des Nordens immer mehr Steuergelder in
    die „Entwicklung der Landwirtschaft“ durch multi-nationale Konzerne.
  3. Ausländische Unternehmen, die im globalen Süden agieren, brauchen einen
    strengen juristischen Rahmen

    Nur so können die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung geachtet und die Umwelt
    geschützt werden. Unternehmen müssen für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen
    werden können.
  4. Die Evaluierung der Auswirkungen der europäischen Agrarpolitik der
    Europäischen Kommission muss verbessert werden.

    Wichtige Punkte sind z.B. die Auswirkungen auf die Einkommen der BäuerInnen und
    auf die Artenvielfalt.


Viele BäuerInnen sind in ihrer Existenz bedroht. Deshalb rufen wir den Norden und die
internationalen Institutionen dazu auf:

  • Stoppt die großflächige Landnahme und den Raub von Boden, Wasser, Flora,
    Fauna und genetischer Ressourcen durch Investoren und ausländische
    Unternehmen im globalen Süden.
  • Stoppt die Liberalisierung der Märkte, damit es den Ländern des Südens
    ermöglicht wird ihre Ressourcen, Märkte und Unternehmen zu schützen.

Wir brauchen eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die es ermöglicht eigene, afrikanische
Visionen zu verwirklichen, um die Zukunft der jungen Generationen im Senegal und in
Afrika sicherzustellen!

ENDA Pronat, Mai 2017

Kontakt:
ENDA Pronat
Thierno Sall, pronat@endatiersmonde.org

Weltfriedensdienst e.V.
Stefanie Wurm, Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 30 253 990-18, wurm@weltfriedensdienst.de